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The Art of Mentoring – Die Kunst zu Lehren

Bericht von einem Kurs in Ontario, Kanada, Herbst 2003

von Kirsten Segler

Blind und allein gelassen stehe ich mitten in einer wuchernden Wiese in Kanada. Vorsichtig taste ich um mich herum, doch was meine Finger zu fassen bekommen, hilft mir nicht weiter. Die Pflanzen fühlen sich alle ähnlich an: gleich hoch und gleich struppig. Sie sind überall, auch da, wo eigentlich der Trampelpfad sein sollte, und ohne den sehen meine Chancen, zurück zum Camp zu finden, übel aus. Was zum Teufel mache ich hier??? Halt, jetzt nicht panisch werden, dafür gibt es keinen Grund. Schließlich bin ich nicht wirklich blind; meine Augen sind nur verbunden. Durchatmen. Ich versuche die im Camp geschlagene Trommel zu orten, die als Orientierung dient. Leider kann ich nicht einfach darauf zu gehen, ohne mich durch dichteste Büsche schlagen zu müssen.

Was ich hier mache? Ich will die „Art of Mentoring“ kennen lernen. Hinter der „Kunst des Lehrens“ stecken Techniken, die bis auf den Ursprung der Menschheit zurückgehen und von Naturvölkern auf der ganzen Welt praktiziert wurden und bis heute werden. Sie zielen auf die Urform des Lernens – durch Erfahrung statt Präsentation – indem sie die Sinne des Schülers öffnen und kontinuierlich schärfen. Statt Langeweile wie in der Schule gibt es Abenteuer, Entdecken und Erleben. An Stelle eines Lehrers, der von oben herab Fakten in Gehirne stopft, gibt es einen Mentor, der seine Schützlinge an langer Leine selbständig die Welt erkunden lässt.

So wie ich jetzt. Denn man muss diese Techniken erst mal am eigenen Leib erlebt haben, bevor man theoretisch verstehen kann, worum es dabei geht. Und es ist wirklich ein gewaltiger Unterschied, darüber zu philosophieren, wie visuell orientiert wir alle sind und wie verkümmert unsere anderen Sinne oder es selbst zu erleben. Noch erschütternder ist allerdings, wie schnell die anderen Eingangskanäle aufblühen, wenn sie gefordert werden. Es ist, als ob ein Teil meines Gehirns nur darauf gewartet hat, endlich arbeiten zu dürfen. Ich horche so angestrengt in die Weite, dass sich meine Ohrmuscheln eigentlich wie Radarschüsseln drehen müssten. Am lautesten ist das Rascheln, das die anderen Kursteilnehmer auf ihrer eigenen Odyssee durch die Botanik verursachen, aber ich höre auch die Straße in der Ferne, die Bahnlinie in der entgegen gesetzten Richtung und die je nach Art und Größe der Bäume unterschiedlichen Windgeräusche in den Ästen. Und ich rieche Mensch – gewaschen, unparfümiert und aktuell schwitzend. Es ist James – leider genauso planlos wie ich.

Die neue Sinnlichkeit

Was hier gerade erwacht, ist ein ganz alter Teil des Gehirns, denn für diese Aufgabe hat die Evolution es über Jahrtausende geformt: punktgenaues Hören, Orientierung ohne Wegweiser, Wahrnehmung kleinster Bewegungen aus dem Augenwinkel statt Tunnelblick (okay, das fällt im Moment aus). Diese brach liegenden Strukturen zu aktivieren, scheint die Vernetzung des ganzen Gehirns zu forcieren und so jegliche Aufgaben besser bewältigen zu lassen. Und obwohl ich mir einbilde zu spüren, wie ständig neue Nervenverbindungen zwischen meinen Ohren entstehen, braucht die Vernetzung der grauen Zellen natürlich mehr Zeit und Training. Und so vermittelt mir mein Hirn trotz der ungeahnten neuen Informationsfülle doch nur ungefähr, wo ich hin muss – und ungefähr reicht eben nicht, um aus dieser Wiese heraus zu finden. Ich kann meine Hilflosigkeit kaum fassen. Denn wir sind ja nicht unvorbereitet in diese Lage geraten. Ich hatte mir den Verlauf des Trampelpfades zu meinem Startplatz genau eingeprägt, bevor auf ein Zeichen hin die Augenbinden angelegt wurden. Doch schon nach wenigen Metern muss ich vom Weg abgekommen sein und war ohne meine Augen verloren. Ich könnte natürlich kurz mal gucken, ganz offiziell sogar. Ich würde damit keinen Gewinn verspielen, niemand würde mich an den Pranger stellen. Aber ich will noch nicht aufgeben. Noch mal durchatmen. Ich versuche es mit Intuition und mache ein paar tastende Schritte in die Richtung, die mir am sympathischsten erscheint. Plötzlich streifen meine Finger Holz. Ha! Endlich habe ich wieder ein Bild meiner Umgebung im Kopf. Das ist das Gerüst an der Grenze zwischen Wiese und Wendehammer. Jetzt muss ich mich nur stur geradeaus halten, dann erreiche ich einen Hohlweg mit mannshohen Goldruten zu beiden Seiten, an denen ich mich entlang tasten kann. Klappt gut.

Leider endet der Weg irgendwann in einer weiten Leere namens Parkplatz. Ich marschiere mutig geradeaus in der gefühlten Richtung der Zufahrt zum Camp. Doch auch nach viel zu vielen Schritten habe ich noch Parkplatz-Gras unter den Füßen. Die Trommel scheint aus drei Richtungen gleichzeitig zu kommen. Plötzlich knirscht grober Sand unter meinen Füßen: die Zufahrt! Freudenschrei, Becker-Faust, Schuhe aus. Mit dem linken Fuß auf Sand und dem rechten auf Gras kann ich jetzt eine Führungslinie erfühlen und mich flott daran entlang bewegen. Als die Trommel eindeutig zu orten ist, verlasse ich den Weg, gehe auf sie zu. Jetzt muss ich mich nur langsam und konzentriert genug bewegen, um keinen der Bäume oder Holztische auf der Wiese zu rammen. Ich habe keine Ahnung, mit welchen Sinnen ich die Hindernisse wahrnehme, aber solange ich mich nicht von Gedanken ablenken lasse, weiß ich einfach, wenn etwas im Weg ist. Als ich am Ziel meine Augenbinde abnehmen kann, sehe ich dieses magisch erscheinende Wissen auch bei den anderen. Einer geht geradewegs auf ein parkendes Auto zu und bleibt etwa einen Meter davor abrupt stehen. Atemlos beobachten wir bereits Angekommenen, wie er mit den Händen in der Luft herum fährt und dabei exakt den Konturen des Autos folgt, ohne es zu berühren. Dann marschiert er entschlossen weiter – und knallt gegen Blech. Offenbar hat der dem Gedanken „Da war vorhin nirgendwo ein Auto“ mehr getraut als seinem sechsten Sinn.

Handwerker, Meister oder Virtuose?

Im Schulungsraum erwartet Kursleiter Jon Young unsere Berichte. Sofort bin ich wieder gefangen von seinen Augen, ich habe noch nie solche Augen gesehen! Sie scheinen alles zu sehen, Nähe und Ferne, Vergangenheit und Zukunft, das „Image“ eines Menschen wie sein innerstes Wesen. Es ist der Blick eines weisen, sehr alten Mannes. Doch er blitzt zwischen dem Schirm einer Baseballkappe und einem jungenhaften Grinsen hervor, gehört zu einem Mann, dessen Hosenboden sich deutlich näher an seinen Knien als am Hintern befindet – weil seine Figur auch gut zum Stimmbruch passen würde. Von weitem würde ihm kein Mensch abkaufen, dass er Vater von vier Kindern ist, von denen das älteste bereits 20 Kerzen auf der Torte ausgepustet hat. Dann sieht man in diese Augen, und die Verwirrung ist perfekt. Jons Geburtsjahr – 1960 – zu kennen, hilft ebenfalls nicht viel, denn auch sein Wesen ist gleichzeitig Jungspund, Familienvater und weiser alter Mann.

Wie faszinierend seine Augen auch sein mögen, im Moment ist Jon jedenfalls „ganz Ohr“. Obwohl er sehr ähnliche Berichte schon -zig Mal gehört hat, lauscht er so aufmerksam, als wäre dies eine Papst-Audienz. Damit demonstriert er gleich eines der wichtigsten Prinzipien der „Art of Mentoring“: sich immer wieder auf das Niveau des Lernenden begeben. Wie junge Eltern, die die Begeisterung ihres Babys über seine ersten Schritte teilen, obwohl Laufen für sie selbst etwas völlig Unspektakuläres ist, so ist ein Lehr„meister“ in der Lage, die Hochstimmung über eine neue Erfahrung seines Schülers zu teilen, als ob es die eigene wäre. Und wenn er den Frosch in der Hand des Zehnjährigen in und auswendig kennt und ähnliche Situationen mit anderen Zehnjährigen schon hundert Mal erlebt hat: er taucht ganz mit ein in das Wunder „Frosch“, ist fast noch aufgeregter als sein Schützling und versteht es, dessen Interesse weiter anzufachen. Wo lebt der Frosch wohl, was frißt er, was hat er den ganzen Winter über gemacht? Virtuosen in der Kunst des Lehrens müssen diese Begeisterung nicht einmal spielen, sondern empfinden sie tatsächlich immer wieder neu.

Doch selbst ein solider Handwerker zu sein, ist nicht einfach. Jon Young unterscheidet bewusst zwischen „teaching“ – lehren im Sinne von „Zuschütten mit Informationen“ – und „mentoring“, also betreuen: Dem Wecken von Interesse, Entfachen von Leidenschaft, Hilfe beim selbständigen Entdecken sowie Unterstützung und kleine, heimliche Schubse. Es geht darum, seine Schützlinge sehr genau zu kennen oder durch lange Erfahrung als Mentor schnell „lesen“ zu können und dadurch genau zu wissen, welche Happen man sie gerade füttern muss, damit sie den nächsten Schritt machen.

Wer tötete Carolina Taube?

Um auch unseren Kurs vom unerwünschten Prinzip „drag’n’brag“ (jemanden irgendwo hinzerren und dort mit all seinem Wissen angeben) weg zu bekommen, geht’s wieder ins Gelände, Spurenlesen. An meiner ersten Station sehe ich Federn, sonst nichts. Doch wie beim „magischen Auge“ treten nach längerem Hinsehen plötzlich Einzelheiten aus dem Bild hervor. Ich sehe, dass das Gras unter und um die Federn etwas niedergedrückt ist und zwar in Form eines etwa 20 Zentimeter langen Körpers mit ausgebreiteten Flügeln. Die Erfahreneren in der Gruppe gucken sich die Federn – nur Daunen übrigens und zwar von einer Mourning Dove (Carolina-Taube), wie der Check im Naturführer ergibt – genauer an, doch diese zeigen weder Spuren von Speichel, noch geben Fraßspuren an den Kielen Hinweise darauf, wer den Vogel gefrühstückt hat. Doch da keine Fußabdrücke zum „Tatort“ führen, muss der Täter ein Vogel gewesen sein. Doch was genau ist passiert? Alexis, der die Station betreut, sagt nur wenig, beobachtet aber aufmerksam, wie wir Theorien in die Runde werfen, anhand der Indizien bewerten und dann verwerfen oder weiter verfolgen. Ab und zu lenkt er unsere Aufmerksamkeit mit einer Frage in eine bestimmte Richtung, aber sonst lässt er den Dingen ihren Lauf. Dass dies eine Demonstration der „Art of Mentoring“ ist, haben wir in diesem Moment wohl alle vergessen.

Natürlich können die Prinzipien der „Art of Mentoring“ auch auf anderen Gebieten als Naturstudien angewandt werden. Aber nur durch die Beschäftigung mit Tieren, Pflanzen, Erde, Wasser und Wetter werden all die „alten“ Gehirnbereiche angesprochen – eben weil der Mensch genau darauf über Jahrtausende getrimmt worden ist. Jeder unserer Vorfahren musste die Natur kennen und verstehen – andernfalls hätte er nicht lange genug gelebt, um irgendjemandes Vorfahre zu werden. Auch heute müssen wir die Natur kennen, um zu überleben – auch wenn wir meinen, das Experten überlassen zu können. Doch in kleinen, simplen Wissenstests, die Jon mit über 4000 Menschen gemacht hat, erkannten selbst Naturfreunde und studierte Fachleute viele weit verbreitete Pflanzen und Tiere nicht. „Wir sind Aliens auf unserem eigenen Planeten“, resümiert er. Das zu ändern, ist eine seiner Lebensaufgaben, denn was einem fremd ist, das ist einem auch gleichgültig oder man fürchtet es sogar. Das fördert nicht nur den Niedergang der Umwelt, sondern man verpasst auch etwas. Denn so wie wir Menschen die Natur offenbar brauchen, um das Hirn intellektuell wirklich auszureizen, so brauchen wir sie noch mehr, um Ruhe und die Stille in uns zu finden, ohne die kein echtes Glück und keine Zufriedenheit möglich ist. Nicht nur Jon, auch mehrere meiner Mitschüler hier haben schon mit "Problemkindern" gearbeitet und erlebt, wie sie sich durch Outdoor-Erfahrungen geöffnet und positiv verändert haben.

Aber ich schweife ab. Schließlich bin ich noch das Ergebnis der Ermittlungen im Fall „Carolina Taube“ schuldig. In Sherlock-Holmes-Manier entschlüsseln wir folgenden Tathergang: Die Taube bemerkte die heran nahende Gefahr so spät, dass sie gerade eben noch starten oder zumindest die Flügel ausbreiten konnte. Dann wurde sie von der Wucht des Angriffs erst in den Boden gedrückt – dabei lösten sich die vielen Flaumfedern vom Bauch – und dann in den Klauen des Greifvogels davon getragen. Der Form des Abdrucks nach erfolgte der Angriff aus Richtung eines großen Baumes, in dem mehrfach eine große Eule gesehen worden war. Doch ob sie tatsächlich der „Täter“ war, eine andere Eule oder doch ein tagaktiver Greifvogel, können wir nicht mit letzter Sicherheit ermitteln. Dennoch bin ich total begeistert über das Ergebnis. Aus einem Häufchen weißer Daunen im Gras ist durch unsere gemeinschaftliche Detektivarbeit eine Geschichte geworden. Jetzt verstehe ich den Spruch der Spurenleser, der Boden sei wie ein Buch, in dem man die Vergangenheit lesen könne.

An der nächsten Station folgen wir der Fährte eines Waschbären, der jede Deckung nutzend bis zur Küche gehuscht war, wo er sich vergeblich an den Mülltonnen zu schaffen gemacht hatte. Die Fährte eines Hirsches zeigt selbst einem Anfänger wie mir, dass er die Wiese hinter dem Haus zielstrebig, aber ohne Hast überquert hat. Nur einmal hat er pausiert, und der rechte Vorderhuf hat sich tiefer in den Sand dort gedrückt. Er hat sich umgesehen. „Nach rechts“, mutmaße ich. „Zum Haus und seinen Geräuschen.“ Skeet, der die Station betreut, fragt: „Bist du sicher?“ und das heißt entweder „Zeig mir mit einer Begründung, dass dies kein Glückstreffer war“ oder „falsch“. Er schlägt vor: „Probier es doch mal aus.“ Zögernd lasse ich mich auf alle Viere nieder und gucke nach rechts. Huch, die linke Hand drückt sich ausgleichend tiefer in den Sand. Jetzt ist klar: Der Hirsch muss nach links geguckt haben, Richtung Hecke. Logo: Dort sind die Schatten, in denen sich ein Raubtier verbergen könnte.

Mathe kommt von selbst

Ich bin jetzt richtig heiß drauf, dem Boden noch mehr Paparazzi-Geschichten über das heimliche Leben der Wildtiere zu entlocken, doch wir werden zusammengetrommelt. Zum Glück ist Jon so ein begnadeter Erzähler, dass bei ihm selbst Frontal-Unterricht ein einziges Vergnügen ist. Schließlich ist die Art of Mentoring für ihn alles andere als Theorie: Er hat sie in Reinform erlebt. Durch eine Oma und eine Tante war sein Interesse für die Natur bereits geweckt, als er im Alter von zehn Jahren von einem jungen Mann aus der Nachbarschaft als Schüler erwählt wurde. Tom Brown hatte zuvor 14 Jahre lang praktisch jede freie Minute im Wald verbracht, elf davon unter den Fittichen des alten Apachen Stalking Wolf. „Grandfather“, wie Tom ihn nannte, machte aus dem Jungen einen der besten Fährtensucher, Naturkenner und Survival-Spezialisten der Welt. Tom betreute Jon in der gleichen Tradition wie der Indianer ihn betreut hatte: wenig Theorie, viel Praxis, wenig vorführen, viel selbst heraus finden lassen, wenig Antworten, dafür umso mehr Fragen. Und dabei den Schützling immer wieder anschieben, neu entflammen und an so langer Leine führen, dass er es für seine eigene Idee hält, wenn er in die vom Mentor gewünschte Richtung marschiert. Nicht umsonst heißt diese Art zu Lehren auch „Coyote-Mentoring“, denn der Koyote ist für viele Indianer das Sinnbild des schlauen Tricksers, der überall zurecht kommt und so sehr im Hier und Jetzt lebt, dass er Chancen sofort erkennt und zu nutzen versteht.

„Man lernt nur aus zwei Gründen: Neugier oder Angst“, erklärt Jon. „Ein guter Coyote-Mentor managed beides.“ Die Schule in ihrer üblichen Form ist dagegen weder für das eine noch das andere ideal. Bei riesigen Klassen und aufgeblasenen Lehrplänen kann kaum ein Lehrer wirklich darauf eingehen, wenn in den Augen eines Schülers die Neugier aufblitzt. Und auch die Angst einflössende Wirkung von Prüfungen ist gerade stark genug, um die Schüler dazu anzustacheln, sich den Stoff kurzfristig in den Kopf zu pauken. Doch nur was man selbst erfahren, genutzt, „begriffen“ und mit Bedeutung aufgeladen hat, bleibt auch hängen. Diese Art des Lernens ist das Ziel, „Primary Learning“, wie Jon es nennt, das von selbst, fast ungewollt einfach passiert – so wie man seine Muttersprache erwirbt. Natürlich gibt es primäres Lernen auch in der Schule: „Zum Beispiel, wenn man unwillkürlich aufnimmt, wie sich die Stühle unter’m Hintern anfühlen“, grinst Jon. „Oder wenn man mit schlafwandlerischer Sicherheit dem Fiesling aus der Parallelklasse aus dem Weg geht, der einem immer den Turnbeutel wegnimmt.“ Durch primäres Lernen in den Kopf gelangte Dinge bleiben erhalten, manchmal ein Leben lang – Fahrrad zu fahren, die Texte blöder Schlager, wie Löwenzahn aussieht, die Spielernamen und wichtige Daten der Lieblingsmannschaft, die Geschichte der Gegend, in der man einen tollen Urlaub verbracht hat.

Als Mentor des eigenen Nachwuchses ging Jon sogar noch weiter als Tom und Grandfather: Seine Kinder haben weder eine Schule besucht, noch zu Hause Unterricht im klassischen Sinn erhalten, sondern nur Coyote-Mentoring pur. „Manchmal war mir als Vater schon etwas mulmig“, gesteht Jon. Würden die Kinder auch Mathe lernen und komplizierte Texte begreifen? Doch nicht erst seit der Älteste 20 ist, zeigt sich: In einer Welt, in der diese Dinge von Bedeutung sind, lernen die zum selbständigen Erfahren und Herausfinden erzogenen Kinder sie auch. „Und es geht sogar viel schneller als in der Schule“, sagt Jon. Denn die Kinder holen sich, was sie brauchen, wenn sie auch bereit dafür sind – nicht früher und nicht später. Natürlich können heutzutage nicht alle Eltern ihre Kinder so aufziehen, wie Jon es getan hat. Doch dass viele Kinder in der heute üblichen Form von Schule weit unter ihren Möglichkeiten bleiben, sagen inzwischen auch weniger exotische Experten. Hier und da gibt es auch in Deutschland schon Schulen, die das Prinzip des Lernens durch Erfahrung sehr erfolgreich umsetzen. Doch wenn eine solche nicht erreichbar ist, sollten wenigstens die Eltern den Kojoten drauf haben.

Dass das Konzept auch bei Erwachsenen zieht, zeigt die Spurensuche in unserem Kurs. Hätte einer der Assis uns erzählt, was die Fährten zeigen, wäre meine Begeisterung mit einem „Hm, hm – nett.“ wohl erschöpft gewesen. So aber war ich voll dabei, habe das Gelernte viel tiefer verinnerlicht. Einen unwilligen Schüler allerdings überhaupt erst zum Mitmachen zu bewegen, ist wohl etwas für Fortgeschrittene, die eine Menge Tricks im Köcher haben. Deshalb kann es weder für Coyote-Mentoren noch für einen „Art of Mentoring“-Kurs feste Pläne geben, nur eine lose Struktur. Man kann Kreativität, Neugier, Begeisterung bei den Schülern nicht planen – wenn sie aufblitzen, muss der Mentor dieses Feuer anfachen, und wenn der Funke nicht überspringt, muss er sich etwas Neues einfallen lassen. So ist jeder Kurs, jedes Lehren ein Happening im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich rufe zu Hause an und sprudele hervor: Super-Stimmung, Jon ist so klasse, und die Leute auch, ich als „Blindgänger“, Spurensucher und Entzifferer des „Polizeifunks“ der Vögel, durch die man Informationen über herumschleichende Tiere und Menschen bekommen kann, lange bevor man sie sieht. Als ich mal Luft holen muss, sagt mein Mann: „Schön, aber wofür willst du das denn jetzt nutzen? Schließlich hast du keine Schüler, und es ist auch keiner in Sicht.“ Ich denke „Wer weiß, wie wäre es denn mit dir?“ Aber sagen werde ich das nicht – ein Coyote-Mentor lässt sich nicht in die Karten gucken.

Epilog

Heute weiß ich: Damals in Kanada habe ich allenfalls oberflächlich verstanden, worum es eigentlich geht. Was ein einzelner Mentor mit seinen Schülern macht oder unterlässt, ist nur ein winziges Puzzleteil. In seiner vollen Pracht (sozusagen) geht es bei der Kunst des Lehrens vielmehr darum, wie aus einer Lebensgemeinschaft – sei es eine Familie, eine Firma, eine Siedlung, ein Volk oder letztlich die Menschheit – ein funktionierendes Netzwerk werden kann, in dem alle Menschen miteinander und mit der Natur in Respekt, Unterstützung und Liebe verbunden sind. Jeder einzelne Mentor ist nur ein kleines Rädchen, aber wenn er effektiv ist, erwachsen unter seiner Führung viele neue Mentoren, die ihrerseits wieder neue Mentoren formen. Diese Schneeball-Entwicklung ist bereits in vollem Gange. Vor allem in Amerika, Kanada, Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden entstehen immer mehr Schulen, Kindergärten und Freizeitangebote, die nach diesen Prinzipien arbeiten. Immer mehr Kinder und Erwachsene beschäftigen sich also damit, wie wir die positiven Aspekte unserer Zivilisation nutzen können, ohne unsere eigenen Lebensgrundlagen und die unserer Mitgeschöpfe zu zerstören.